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Das könnt ihr hier machen

das haben wir schon immer so gemacht

Wir sind zu dem Satz geworden, den wir immer gehasst haben

Es gibt Momente in Teamsitzungen, die brennen sich ein. Dieser hier gehört dazu: Das Konzept liegt auf dem Tisch, jemand liest einen Absatz vor – Partizipation, individuelle Förderplanung, Bezugsbetreuung, wie sie im Buche steht. Und dann sagt eine Kollegin den Satz, den alle denken: „Das leben wir doch schon lange nicht mehr."

Stille. Weil sie recht hat.

Wie es so weit kommt

Niemand hat das entschieden. Es gab keine Sitzung, in der beschlossen wurde: Ab heute machen wir weniger, als wir versprochen haben. Es passiert schleichend. Eine Stelle bleibt unbesetzt, dann noch eine. Der Dienstplan wird zum Überlebensplan. Strukturen, die mal Halt gegeben haben, werden zu Mauern, an denen jede Veränderungsidee abprallt. Und die Kommunikation im Team? Läuft ab wie ein eingespieltes Theaterstück. Jeder kennt seinen Part. Jeder weiß, wer was sagen wird, bevor es gesagt wird.

Wir nennen das gerne Vertrautheit. Ein eingespieltes Team, sagen wir. Verlässlichkeit. Und ein Stück weit stimmt das auch – Vertrautheit gibt Sicherheit, gerade in einem Arbeitsfeld, das jeden Tag Unvorhersehbares bereithält. Aber wenn wir ganz ehrlich hinschauen, ist die Grenze zwischen Vertrautheit und Bequemlichkeit fließend. Und irgendwann haben wir sie überschritten, ohne es zu merken.

Der Satz, der wehtut

In über 40 Jahren im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe habe ich diesen Satz unzählige Male kritisiert: „Das haben wir schon immer so gemacht." Für mich war das immer das Kennzeichen von Teams, die aufgehört haben zu denken. Ich habe den Kopf geschüttelt über Einrichtungen, die sich hinter ihren Routinen verschanzt haben.

Und jetzt sitze ich in einer Teamsitzung und stelle fest: Wir sind dieser Satz geworden. Nicht als Ausspruch – als Zustand.

Das auszusprechen tut weh. Aber ich glaube, es ist der ehrlichste und wertvollste Moment, den ein Team haben kann. Denn die Alternative ist schlimmer: weiterzumachen wie bisher und das Konzept als Fassade zu pflegen, die nur noch für die Heimaufsicht und den Kostenträger steht.

Warum das kein Grund zum Verzweifeln ist

Hier kommt der Punkt, der mir wichtig ist: Wer erkennt, dass er zu diesem Satz geworden ist, hat den ersten Schritt schon gemacht. Ehrlichkeit ist keine Kapitulation. Sie ist der Anfang von allem, was danach kommt.

Ein Konzept ist nicht heilig. Es ist kein Denkmal, das man nur noch abstauben darf. Es ist ein Versprechen an die jungen Menschen, die bei uns leben. Und Versprechen darf man erneuern – man muss es sogar, wenn sich die Bedingungen geändert haben. Ein Konzept, das nicht mehr zur Realität passt, ist keine Schande. Eine Schande ist nur, so zu tun, als würde es noch passen.

Vier Impulse für den Anfang

Erstens: Lest euer Konzept gemeinsam. Satz für Satz. Mit drei Fragen: Was leben wir noch? Was nicht mehr? Und woran liegt das – an uns oder an den Bedingungen? Diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie trennt das, was wir selbst ändern können, von dem, was wir benennen müssen.

Zweitens: Brecht eine einzige Routine. Bewusst. Die Sitzordnung in der Teamsitzung, den immer gleichen Ablauf, die Frage, wer moderiert. Klein, aber spürbar. Es geht nicht um die Routine selbst – es geht um die Erfahrung, dass Veränderung möglich ist.

Drittens: Fangt klein an. Ein Thema, ein Monat, dann das nächste. Veränderung scheitert selten am Wollen. Sie scheitert am Alles-auf-einmal.

Viertens: Was an Personalnot und Ressourcen scheitert, gehört auf den Tisch des Trägers. Schriftlich. Ein Konzept ohne die Ressourcen, es umzusetzen, ist kein Konzept – es ist ein Wunschzettel. Und dafür trägt nicht das Team allein die Verantwortung.

Mein Fazit

Der Satz „Das haben wir schon immer so gemacht" ist nicht das Problem. Das Problem ist, ihn nicht mehr zu hören, wenn man ihn selbst lebt. Teams, die den Mut haben, sich das einzugestehen, sind nicht gescheitert. Sie sind genau an dem Punkt, an dem echte Entwicklung anfängt.

Wann habt ihr euer Konzept zuletzt gelesen – nicht für die Aufsicht, sondern für euch?

Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

generationswechsel in der jugendhilfe

Sie kommt frisch von der Uni. Bachelor in der Tasche, Kopf voller Theorie. Und vermutlich mit einem Gefühl, das die wenigsten von uns noch kennen: dieser Mix aus Ehrgeiz und Angst, im ersten Team ernst genommen zu werden.

Ich stelle mir vor, wie das für sie ist. Ein Team, in dem der Älteste seit über 40 Jahren im Feld ist. Jede Bauchentscheidung, die ich treffe, wirkt auf sie vielleicht wie eine Blackbox. Sie hat gelernt, Entscheidungen zu begründen, Modelle zu benennen, Haltung zu reflektieren. Und dann sitzt sie in der ersten Teamsitzung und ich sage: "Sie braucht jetzt einen Kaffee und jemanden, der zuhört." Keine Theorie. Kein Modell. Nur Erfahrung, die sich nicht sofort erklären lässt.

Die eigentliche Härte

Sie fragt nach. Zu Recht. Sie will wissen, worauf ich meine Einschätzung stütze. Ich merke, wie ungeduldig ich werde, und merke gleichzeitig: Ihre Frage ist berechtigt. Ich habe mich lange nicht mehr rechtfertigen müssen.

Ich glaube, das ist die eigentliche Härte für sie: nicht die Arbeit mit den Jugendlichen, sondern der Platz im Team. Gegen Routine anzukommen, die sich nie erklären muss, weil sie schon so lange da ist. Gehört zu werden, ohne dass "das machen wir hier schon immer so" das letzte Wort behält.

Was sie sieht, was ich nicht mehr sehe

Dabei sieht sie Dinge, die ich nicht mehr sehe. Einen Blick ohne die Betriebsblindheit, die sich nach Jahrzehnten einschleicht. Ein Bewusstsein für Diversität und Machtgefälle, das in meiner Ausbildung schlicht kein Thema war.

Ich könnte ihr sagen: Mach das erstmal 20 Jahre, dann reden wir. Manche Kollegen sagen das. Ich glaube, das ist bequem und ein Weg, sie klein zu halten, während sie eigentlich das Team größer machen könnte.

Zumutung oder Chance

Der Generationswechsel in der Jugendhilfe ist keine Bedrohung für mich. Er ist eine Zumutung für sie, wenn wir es ihr nicht leichter machen. Und eine Chance für uns beide, wenn wir es tun.

Zwei Erfahrungsräume, die sich ergänzen, statt sich zu unterbieten. Das ist die Arbeit, die vor uns liegt, nicht nur vor ihr.

Mögen · Begleiten · Stärken Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

werkzeug humor :-)

Ein Kollege hat mal zu mir gesagt: "Du lachst zu viel für den Job." Als wäre Ernst gleich Kompetenz. Ich sehe das anders. Humor ist keine Nebensache in der Jugendhilfe. Er ist eines meiner wichtigsten Werkzeuge.

Der Moment am Abwasch

Ein Jugendlicher, der seit Wochen kein Wort mit mir spricht, lacht plötzlich über einen dummen Spruch beim Abwasch. In diesem Moment ist die Mauer für zwei Sekunden weg. Genau da entsteht Kontakt.

Lachen macht Nähe möglich, ohne dass jemand sein Gesicht verliert. Kein "Wie geht es dir wirklich?", das abgewehrt werden muss. Nur ein gemeinsamer Moment, in dem beide kurz Mensch sein dürfen statt Fachkraft und Fall.

Ich mache mich manchmal selbst zum Clown, wenn die Stimmung kippt. Nicht um abzulenken. Um zu zeigen: Es ist okay, hier auch mal nicht ernst zu sein.

Grenzen des Humors

Natürlich hat Humor Grenzen. Nie über jemanden, immer mit jemandem. Nie in akuten Krisen, wenn Ernst gebraucht wird. Aber im Alltag, in den tausend kleinen Momenten zwischen den Krisen, ist Humor gelebte Beziehungsarbeit.

Distanz ist bequemer

Ich glaube, wer in unserem Job nie lacht, hält die Distanz zu den Jugendlichen künstlich aufrecht. Und Distanz ist manchmal bequemer als Nähe. Ernst zu bleiben schützt, kostet aber auch etwas: die Momente, in denen echte Beziehung entsteht.

Humor ist kein Zeichen von Unprofessionalität. Er ist ein Zeichen davon, dass ich mich traue, wirklich da zu sein.

Mögen · Begleiten · Stärken Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

care leaver

Was passiert nach dem Auszug?

Ich habe Jugendliche stark gemacht. Selbstständig. Bereit für ihr Leben. Das ist unser Auftrag in der stationären Jugendhilfe, und ich nehme ihn ernst. Über Jahre begleite ich junge Menschen, arbeite an Beziehung, an Vertrauen, an Fähigkeiten. Ich sehe sie wachsen.

Dann sind sie 18. Der Auszug steht an. Die Wohngruppe wird zur Erinnerung. Und dann?

Kein Nachtdienst mehr, der reagiert, wenn's brennt. Keine Bezugsbetreuerin, die anruft, wenn zwei Tage nichts kommt. Kein Kühlschrank, der einfach voll ist. Wir nennen das Verselbstständigung. Für die jungen Menschen heißt es oft: allein.

Ein Netz, das fehlt

Manche schaffen das. Viele kämpfen. Miete, Ämter, Ausbildung, Einsamkeit, alles gleichzeitig, ohne das Netz, das andere 18-Jährige noch haben. Kein Elternhaus, das auffängt, wenn's schiefgeht. Kein "Du kannst erstmal wieder bei uns wohnen." Dieser Satz, den viele junge Erwachsene selbstverständlich zur Verfügung haben, existiert für Care Leaver meistens nicht.

Ich frage mich oft: Haben wir sie wirklich stark gemacht? Oder haben wir nur den Abschied gut vorbereitet? Beides klingt ähnlich. Beides fühlt sich in der Praxis gut an. Aber es sind zwei verschiedene Dinge, und ich glaube, wir verwechseln sie zu oft.

Zeit, die wir nicht mehr geben

Care Leaver brauchen länger Begleitung, als unser System vorsieht. Nicht weil sie schwach sind. Weil Erwachsenwerden Zeit braucht, Zeit, die wir ihnen nach dem Auszug meistens nicht mehr geben. Das System ist auf Stichtage gebaut, auf Volljährigkeit, auf Hilfeplanende. Die Realität junger Menschen hält sich nicht an diese Daten.

Ich glaube, die entscheidende Frage stellen wir zu selten: Was würde ein Anruf drei Monate nach dem Auszug bewirken? Nicht aus Kontrolle. Aus Verbindung. Ein kurzes Zeichen, dass jemand noch da ist. Dass die Beziehung nicht mit dem letzten Hilfeplangespräch endet.

Wir haben viel investiert, um diese jungen Menschen bis zum Auszug stark zu machen. Vielleicht ist die nächste Aufgabe, sie auch danach nicht ganz loszulassen.

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orte für beste gespräche

Die besten Gespräche führe ich nicht im Büro

Wenn ich an die wichtigsten Gespräche meiner Laufbahn denke, fällt mir auf: Fast keines davon hat im Büro stattgefunden.

Das Büro ist ein guter Ort für Termine, Akten, Anträge, für das, was geregelt werden muss. Aber für ein echtes Gespräch ist es oft der falsche Ort. Zwei Stühle, ein Tisch dazwischen, vielleicht noch ein Bildschirm. Das ist eine Anhörungssituation, keine Begegnung. Der junge Mensch spürt sofort: Jetzt soll geredet werden. Und genau dann redet er nicht.

Die wirklich offenen Momente passieren woanders. Auf dem Beifahrersitz zum Beispiel. Niemand muss sich ansehen, der Blick geht nach vorn, die Straße zieht vorbei. Und auf einmal kommt der Satz, auf den ich im Büro eine Stunde vergeblich gewartet hätte. Das Auto ist einer der ehrlichsten Räume, die ich kenne.

Oder das Spülbecken. Hände im Wasser, Kopf frei. Beim gemeinsamen Abtrocknen fallen Dinge, die im Sitzkreis nie gefallen wären. Die Beschäftigung der Hände nimmt den Druck von den Worten. Ähnlich ist es in der Raucherecke. Ich rauche nicht, aber ich stelle mich dazu. Dort fällt die Fassade, weil dort keine Erwartung im Raum steht.

Die Eisdiele gehört auch dazu. Zwei Kugeln, kein Anlass, kein Termin. Und mitten hinein, zwischen Schoko und Zitrone, kommt das, was wirklich los ist. Die Küche nachts ist so ein Ort, wenn alle schlafen und einer nicht. Der Kühlschrank brummt, das Licht ist gedämpft, und plötzlich wird erzählt. Und der Weg irgendwohin, einfach nebeneinander gehen statt sich gegenüberzusitzen. Bewegung löst die Zunge, das weiß jeder, der schon einmal beim Spazieren ein schwieriges Thema angesprochen hat.

Warum funktioniert das alles besser als mein schönes Büro? Weil dort kein Druck herrscht. Kein Gegenüber, das einen anschaut und wartet. Keine Erwartung, jetzt und hier reden zu müssen. Paradoxerweise reden Menschen genau dann, wenn sie nicht müssen. Das Gespräch entsteht im Nebenbei, nicht im Setting. Es schleicht sich herein, während die Hauptsache eine andere zu sein scheint.

Für mich folgt daraus eine einfache, aber wichtige Erkenntnis. Die besten Gespräche kann ich nicht planen. Ich kann sie nur ermöglichen. Ich kann die Gelegenheiten schaffen, in denen sie entstehen dürfen. Ich kann mitfahren, mitabtrocknen, mitstehen, mitgehen. Und ich kann da sein, ohne sofort etwas zu wollen. Das ist die eigentliche Kunst, präsent zu sein, ohne zu drängen.

Das hat übrigens nichts mit Beliebigkeit zu tun. Ich gehe nicht zur Eisdiele, um mich beliebt zu machen. Ich gehe dorthin, weil ich weiß, dass Beziehung Räume braucht, in denen sie atmen kann. Diese Räume stehen in keinem Konzept und in keinem Hilfeplan. Sie kosten Zeit, die offiziell nicht vorgesehen ist. Und doch sind sie der Ort, an dem die Arbeit wirklich geschieht.

Über 40 Jahre im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe haben mich gelehrt, diese Orte ernst zu nehmen. Sie sind kein Beiwerk. Sie sind das Herzstück.

Wo finden deine besten Gespräche statt?

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akte frisst beziehung

Ich habe heute drei Stunden dokumentiert

Und zwanzig Minuten mit ihr geredet. Irgendwas läuft hier falsch.

Das ist kein schlechter Tag gewesen. Das war ein ganz normaler. Jedes Gespräch will festgehalten werden, jeder Vorfall, jede Maßnahme. Lückenlos, nachweisbar, aktenfest. Und während ich schreibe, sitzt nebenan ein junger Mensch, der eigentlich meine Zeit gebraucht hätte.

Versteht mich nicht falsch. Ich dokumentiere, und ich tue es sorgfältig. Das ist kein Bürokratenfetisch, das ist Absicherung. Wer nichts dokumentiert, steht im Zweifel allein da. Gute Doku schützt nicht nur mich, sie schützt auch das Kind. Im Kinderschutz kann eine saubere Aktenlage der Unterschied sein zwischen einer Entscheidung, die trägt, und einer, die im Nebel getroffen wird. Ich weiß, warum es die Pflicht gibt.

Und trotzdem stimmt etwas nicht an der Rechnung. Denn das Kind erinnert sich später nicht an mein Protokoll. Es erinnert sich an mich. An die Person, die da war, als es schwierig wurde. An den Satz im richtigen Moment, an das Dableiben, an das ehrliche Gesicht. Nichts davon steht so in der Akte, wie es gewirkt hat. Beziehung entsteht in der Zeit, die kein Formular vorsieht. Am Spülbecken, auf dem Beifahrersitz, in der Raucherecke. Genau dort, wo wir nichts dokumentieren, passiert die eigentliche Arbeit.

Dokumentation ist deshalb nicht die Arbeit. Sie ist der Schatten der Arbeit. Sie zeichnet nach, was geschehen ist. Aber sie ist nicht das Geschehen selbst. Ein Schatten kann nützlich sein, er zeigt, dass etwas da war. Wenn der Schatten aber größer wird als der Körper, der ihn wirft, dann läuft etwas verkehrt.

Und hier liegt die Grenze, die ich für mich gezogen habe. Wenn die Akte wichtiger wird als der Mensch in der Akte, dann dient sie nicht mehr ihm. Dann dient sie nur noch uns. Unserer Absicherung, unserer Statistik, unserer Ruhe im Prüffall. Das ist der Punkt, an dem ein gut gemeintes Instrument sich gegen seinen Zweck dreht.

Ich sage das nicht, um mich aus der Verantwortung zu stehlen. Ich dokumentiere weiter. Aber ich richte die Forderung nach oben, an die, die über Stellenschlüssel, Fallzahlen und Standards entscheiden. Gebt uns Zeit für Beziehung. Nicht nur für ihren Nachweis. Eine Fachkraft, die den halben Tag schreibt, ist den halben Tag nicht da. Und Anwesenheit ist in diesem Beruf keine Nebensache, sie ist das Mittel selbst.

Für mich bleibt am Ende ein einfacher Satz, den ich mir immer wieder sage. Die Akte ist das Gedächtnis. Die Beziehung ist die Arbeit. Verwechsle die beiden nie. Das Gedächtnis ist wichtig, niemand bestreitet das. Aber ohne die Arbeit gibt es nichts zu erinnern.

Über 40 Jahre im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe haben mir eines gezeigt. Kein junger Mensch ist je gesünder geworden, weil über ihn besonders gründlich geschrieben wurde. Gesund macht das, was zwischen zwei Menschen passiert.

Wie viel von deinem Tag gehört der Akte? Und wie viel dem Menschen?

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fundierte intuition

Wann ich meinem Bauch traue. Und wann nicht.

Jahrzehntelang arbeite ich mit jungen Menschen. Mein Bauch meldet sich oft zuerst. Aber ich traue ihm nicht blind.

Ich will gleich mit einem Missverständnis aufräumen. Intuition ist kein sechster Sinn. Keine Gabe, mit der manche geboren werden und andere nicht. Keine Esoterik. Wer Intuition zum Mysterium macht, kann sie weder lernen noch hinterfragen. Und genau das wäre gefährlich.

Was Intuition wirklich ist, lässt sich nüchtern sagen. Sie ist verdichtete Erfahrung. Über 40 Jahre Begegnungen, Gespräche, Fehler und Korrekturen, abrufbar in Sekunden. Mein Bauch rechnet schneller als mein Kopf, weil er nicht jedes Mal von vorne anfängt. Er greift auf alles zurück, was ich schon gesehen habe. Deshalb meldet er sich oft, bevor ich erklären kann, warum.

Jetzt kommt der Haken. Der Bauch kann auch lügen. Was sich wie Intuition anfühlt, ist manchmal nur ein Vorurteil. Manchmal ist es Müdigkeit am Ende einer langen Schicht. Manchmal Sympathie für den einen, Antipathie gegen den anderen. Das Tückische ist, dass sich all das erstmal gleich anfühlt. Der Bauch sagt nicht dazu, woher sein Signal kommt.

Deshalb das Wort fundiert. Der Bauch meldet sich, und der Kopf prüft nach. Nicht das eine gegen das andere, sondern beides nacheinander. Das Gefühl liefert die Spur, der Verstand prüft, ob die Spur trägt. Erst zusammen werden sie verlässlich.

Wann traue ich meinem Bauch also? Dann, wenn das Bauchgefühl und das, was ich tatsächlich sehe, dasselbe sagen. Wenn ich das Gefühl an Beobachtungen festmachen kann, an konkreten Situationen, an etwas, das auch ein anderer nachvollziehen würde.

Und wann nicht? Wenn ich es nicht begründen kann. Wenn ein starkes Gefühl da ist, aber kein einziges Beispiel dazu. Wenn ich unter Druck stehe, weil Druck den Bauch laut macht und den Kopf leise. Und beim Kinderschutz sowieso. Da prüfe ich grundsätzlich doppelt, weil der Preis eines Irrtums in beide Richtungen zu hoch ist.

Daraus folgt eine Disziplin, die ich mir über die Jahre antrainiert habe. Den Bauch ernst nehmen heißt nicht, ihm zu gehorchen. Es heißt, ihm zuzuhören und dann nachzufragen. Was genau sagst du mir da? Worauf stützt du dich? Bin ich es, der hier reagiert, oder ist es die Situation? Diese Fragen kosten Sekunden und retten Entscheidungen.

Und ich bin damit nicht allein. Mein Bauch ist ein Anfang, kein Beweis. Im Team wird aus einem Gefühl eine fachliche Einschätzung. Die anderen sehen, was ich übersehe, und stellen die Fragen, die ich mir selbst nicht stelle. Wer seine Intuition für sich behält, verschenkt das beste Korrektiv, das es gibt.

Am Ende ist es eine Haltung. Wer seinem Bauch blind folgt, wird blind. Wer ihn ignoriert, wird taub. Ich will beides nicht. Ich will hören, was er sagt, und ich will klug genug sein, ihn zu prüfen.

Wann hat dein Bauch zuletzt recht gehabt? Und wann nicht?

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Kinderschutz? Nein danke!

 Was passiert, wenn der 8a-Prozess fehlt

Ja, es gibt sie. Die stationäre Einrichtung der Jugendhilfe ohne klar definierten 8a-Prozess. Und die Leitung? Duckt sich weg. Klingt hart. Ist aber Alltag in mehr Häusern, als wir wahrhaben wollen.

Stell dir irgendeinen Nachmittag vor. Ein Team hat einen begründeten Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung. Und dann? Kein definierter Ablauf. Keine zuständige Person greifbar. Die Leitung nicht erreichbar. Das Team hängt in der Luft. Genau das passiert, wenn der Prozess fehlt.

Was das im Alltag bedeutet

Teams agieren ohne Orientierung. Sie bekommen vom Träger keinen klaren Rückhalt bei Einschätzung und Bewertung des Falls. Sie können nichts einfordern, sondern müssen bitten, nachfragen, warten. Dieser unnötige Abstimmungsaufwand frisst Zeit. Er führt zu Frust im Team. Und vor allem: Dem betroffenen Kind wird die schnelle Hilfe verwehrt. Das ist der Punkt, an dem aus einer Organisationslücke ein fachliches Versagen wird.

Und das Bittere daran: Meistens steckt kein böser Wille dahinter. Da sitzen engagierte Fachkräfte, die wollen handeln, sofort. Was ihnen fehlt, ist nicht die Haltung, sondern die Struktur. Genau die ist Aufgabe der Leitung und des Trägers. Ein Prozess ist kein bürokratisches Beiwerk. Er ist die Zusage an jedes Kind im Haus, dass im Ernstfall jemand zuständig ist und etwas passiert. Wo dieser Prozess fehlt, entscheidet der Zufall darüber, wie schnell ein Kind geschützt wird. Und Zufall ist im Kinderschutz keine akzeptable Größe.

Was ein echter 8a-Prozess regeln muss

Wenn über einen Kinderschutzfall entschieden werden muss, gehört mindestens das hier geklärt.

Erstens: Die insoweit erfahrene Fachkraft wird einbezogen. Das ist gesetzlich so gewollt, und das ist richtig. An dieser beratenden Rolle rüttle ich nicht.

Mein Vorschlag ergänzt das. Ich will zusätzlich eine benannte 8a-Fachkraft in der Einrichtung selbst. Eine Person, die fachlich einschätzt, die Strukturen der Jugendämter aus der Praxis kennt und fundierte Erfahrung mit 8a-Verfahren mitbringt. Diese Person wird schon bei Einschätzung und Bewertung einbezogen, nicht erst am Ende. Sie bindet die Leitung ein, die sich dem Fall zwingend widmen muss. Kinderschutz hat höchste Priorität. Punkt.

Wer hat das letzte Wort?

Hier wird es unbequem. Wer entscheidet final bei unterschiedlichen Einschätzungen? Die Leitung? Oder die 8a-Fachkraft?

Meine Haltung ist klar: Im Streitfall gehört der 8a-Fachkraft das letzte Wort. Im Zweifel ein Vetorecht gegenüber der Leitung. Wie eine Einrichtung das intern regelt, bestimmt sie selbst. Das ist eine bewusste Trägerentscheidung, und sie ist möglich. Hierarchie geht dann nicht vor Fachwissen.

Eine Einrichtung, die so arbeitet, achtet die fachliche Expertise in ihren Teams. Das schafft Respekt und Wertschätzung. Und das betroffene Kind hat ein Recht auf den größtmöglichen Einsatz der Fachkräfte, nicht auf das, was nach Abstimmungsschleifen übrig bleibt.

Persönliche Eitelkeiten der Leitung dürfen dabei keine Rolle spielen. Eigentlich. Denn leider ist es oft anders. Und genau deshalb braucht es einen Prozess, der nicht von Stimmungen abhängt, sondern verlässlich greift.

Kinderschutz braucht einen Prozess, nicht den Zufall. Wer das ernst meint, schreibt ihn auf, mandatiert die richtigen Leute und hält sich auch dann daran, wenn es unbequem wird.

Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

pädagogische begegnungen sind reiner zufall

Zufälle prägen Pädagogik

Stell dir eine rote Ampel vor. Fünf Menschen stehen da und warten. Sie kennen sich nicht. Sie sehen sich nicht einmal an. Eigentlich treffen sie sich gar nicht, sie erscheinen einfach. Jeder kam aus einem anderen Grund, von einem anderen Ort, auf einer eigenen Lebenslinie. Der eine von der Spätschicht. Die andere von einer Beerdigung. Ein Dritter aus einem Streit, von dem niemand weiß. Zwei weitere schlendern einfach so herum und verlieren sich in ihren Gedanken. Und doch wollen sie im selben Moment dasselbe: über die Straße.

Genau so ist Jugendhilfe.

Junge Menschen landen aus völlig unterschiedlichen Gründen an einem Punkt zusammen, in dieser einen Gruppe. Sie haben sich nicht ausgesucht. Sie haben nie voneinander gehört. Und jetzt sollen sie miteinander leben. Bei uns Fachkräften ist es nicht anders. Auch wir haben uns nicht gegenseitig gewählt. Wir wurden ausgesucht, vom Träger, von den Menschen, die uns eingestellt haben. Unsere Ampel heißt nur Dienstplan. Und jetzt sollen wir zusammenwirken, zum Wohl der jungen Menschen.

In über 40 Jahren Erfahrung im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe habe ich gelernt, wie viel der Zufall mitschreibt. Ein Mädchen, 16, schwer abhängig. Hundert Wege hätten sie woanders hingeführt. Sie landete bei mir. Kein Plan hat das so vorgesehen. Es war reiner Zufall, dass ausgerechnet ich an dieser Ampel stand. Und es wurde eine der wichtigsten Begegnungen meines Berufslebens.

Die wirksamsten Momente plant ohnehin niemand. Eine Spritztour mit dem Auto. Ein Eis für zwei Euro. Kein Setting, keine Methode. Beiläufig. Und genau da wird gesagt, was im Büro nie gesagt würde. Ein Satz im Vorbeifahren, ein Lachen an der Tankstelle, und plötzlich ist da eine Nähe, die keine Stunde am Besprechungstisch erzeugt hätte.

Der Zufall hat auch seine Schatten. Monatelang wächst Vertrauen. Ein junger Mensch lässt zum ersten Mal jemanden an sich heran. Und dann kündigt genau diese Bezugsperson, weil der Träger sie nicht halten konnte. Auch das ist Zufall. Auch damit müssen wir umgehen. Wir können den Bruch nicht immer verhindern. Aber wir können ihn ehrlich benennen und den jungen Menschen nicht allein damit lassen.

Wir suchen uns das alles nicht aus. Nicht die jungen Menschen. Nicht das Team. Nicht den Moment, in dem es kippt. 
Zufälle prägen Pädagogik. Mehr, als uns lieb ist.

Aber aus dem Zufall etwas zu machen, das ist kein Zufall. Das ist Haltung. Die jungen Menschen haben es verdient, dass an ihrer Ampel Profis stehen. Menschen, die genau dafür da sind und das Beste daraus gestalten, damit Entwicklung möglich wird. Wir werden dafür bezahlt. Und wir sind Profis. Also machen wir das Beste daraus. Jeden Tag, an jeder Ampel.

Mögen · Begleiten · Stärken

Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

akteneinsicht - mitten ins herz

Morgen wird sie 18. Volljährig. Aufgeregt fragt sie mich: „Andreas, wenn ich volljährig bin, darf ich mir doch meine Akte beim Jugendamt ansehen?" Ich mache eine Pause. Denn ich kenne solche Akten. Beim Jugendamt habe ich sie selbst geführt. Ich weiß, wie viel in ihnen liegt und was sie mit einem Menschen machen können.

Was in einer Akte steht

In einer Akte steht alles. Jedes Gespräch, jedes Telefonat, jedes Protokoll der Fallkonferenzen. Sie wird alles erfahren. Auch alles über ihre Mutter, die sie bis heute idealisiert.

Es tut ihr gut, sich vorzustellen, wie ihre Mama um sie gekämpft und am Ende gegen das böse Jugendamt verloren hat. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Die Mutter hat alles unternommen, um sie loszuwerden. Allein diese Erkenntnis wird sie hart treffen und ihr den Boden unter den Füßen wegziehen. Verkraftet sie das? Jetzt, einen Tag vor ihrem Geburtstag?

Schutz oder Bevormundung

Ich sage ihr, dass diese Entscheidung zu schwer ist, um sie mal eben zu treffen. Ich begründe es mit meiner Erfahrung und damit, dass ich sie vor Belastungen schützen will, denen sie gerade nicht gewachsen ist. Und während ich das sage, meldet sich der Zweifel.

Schütze ich sie wirklich? Oder entscheide ich gerade für sie, was sie aushalten darf und wann? Ich weiß es in diesem Moment nicht. Ich weiß nur, dass ich Zeit gewinnen will. Vielleicht für sie. Vielleicht auch für mich. Wir vereinbaren, das Wochenende abzuwarten. Wenn sie dann immer noch möchte, leiten wir gemeinsam alles Notwendige in die Wege.

Am Montag steht sie vor mir: „Ich will meine Akte sehen." Das Jugendamt schlägt einen Termin vor. Ich biete an, sie zu begleiten. Sie stimmt zu.

Eine Wahrheit, nicht die ganze

Zu diesem Termin kam es nicht. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag beendete sie die Maßnahme selbst und zog zu ihrer Mutter, die sie noch immer idealisierte. Gemeinsam mit einer Kollegin brachte ich sie hin. Mit einem Kloß im Hals fuhren wir zurück. Auf der Fahrt habe ich lange geschwiegen. Manche Begleitung endet eben nicht mit einer Lösung, sondern mit einer Frage, die man mitnimmt.

Eines bleibt für mich klar: Junge Menschen haben das absolute Recht, die Aktenwahrheit zu erfahren. Aber diese Aktenwahrheit ist nur eine Wahrheit. Geprüft, dokumentiert, aktenkundig. Nicht die ganze. Meine Aufgabe ist es, darauf vorzubereiten und so zu begleiten, dass ich stützen kann, wenn der Boden ins Wanken gerät.

Und ehrlich: Ich bin bis heute nicht sicher, ob ich an jenem Tag begleitet oder doch ein Stück weit entschieden habe, was sie wissen darf. Die Grenze zwischen Fürsorge und Bevormundung ist schmaler, als mir lieb ist. Ob sie ihre Akte je gelesen hat? Ich weiß es nicht.

Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘 

kinderschutz beginnt mit der wahrnehmung

Der §8a kommt später

Kinderschutz beginnt mit der Wahrnehmung

Wenn ich an Kinderschutz denke, denke ich nicht zuerst an den Paragrafen. Ich denke an einen Moment im Flur. An ein Kind, das zwei Sekunden zu lange zögert, bevor es seine Jacke nimmt. An ein Gefühl, das ich nicht sofort in Worte fassen kann — und das mich trotzdem nicht loslässt.

Viele Erfahrungen  im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe haben mir eines gezeigt: Der §8a regelt, was geschieht, nachdem jemand hingesehen hat. Er sorgt nicht dafür, dass jemand hinsieht. Das Verfahren ist wichtig, keine Frage. Aber es kommt später. Zuerst kommt die Wahrnehmung. Und die steht in keinem Gesetzestext.

Lange galt das Bauchgefühl als das Unprofessionelle schlechthin. Etwas, das man sich abtrainieren sollte. Ich sehe das anders. Mein Bauch ist verdichtete Erfahrung, fundierte Intuition — vier Jahrzehnte Begegnungen, die sich abgelegt haben und sich melden, bevor mein Kopf nachgezogen ist. Das ist keine Esoterik. Das ist eine Frühwarnung. 
Vorausgesetzt, ich behandle sie wie eine Wahrnehmung und nicht wie ein Urteil: geprüft, geteilt, dokumentiert. 
So getragen, trägt sie.

Gefährlich wird es an zwei Stellen. Wenn der Bauch zur alleinigen Entscheidungsgrundlage wird, dann handle ich aus einem Reflex, ohne Korrektiv. Und wenn „mein Bauch sagt" zum Schlusspunkt wird statt zum Anfang. Denn dann beendet er das Hinsehen, anstatt es zu eröffnen. Beides habe ich erlebt. Beides möchte ich nicht wieder erleben.

Was mich bis heute demütig macht: Es gibt keinen Algorithmus. Keine Checkliste, die mir die Unsicherheit abnimmt. Zwei Fehler sind möglich, und beide sind unwiderruflich. Ich kann zu früh handeln und eine Familie erschüttern, in der nichts war. Oder ich kann zu spät handeln und einem Kind schweren Schaden zufügen. Diese Spannung lässt sich nicht auflösen. Sie lässt sich nur aushalten — gemeinsam im Team.

Drei Fragen helfen mir, eine Entscheidung zu tragen. Keine davon löst die Unsicherheit auf. Alle drei zusammen geben ihr einen Boden. Was nehme ich konkret wahr und was vermute ich nur? 
Wer hat das mit mir gesehen? 
Was wäre der nächste, kleinste Schritt? 
Mehr braucht es im ersten Moment oft nicht. Aber weniger eben auch nicht.

Und das ist für mich der eigentliche Kern: Allein ist Kinderschutz unmöglich und immer riskant. Er lebt von drei Säulen — Verfahren, Wahrnehmung und Team —, und keine ersetzt die andere. Wer allein entscheidet, entscheidet zu eng. Wer im Team hinsieht, sieht mehr.

Kinderschutz ist schwere Verantwortung. Ich will sie nicht kleinreden. Aber Professionalität heißt für mich nicht, sie loszuwerden. 

Professionalität heißt, sie tragen zu können und sie nicht allein tragen zu müssen.

Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

Wenn fachkräfte gehen und die jugendlichen leiden

 

Es gibt einen Moment in der stationären Jugendhilfe, über den wir zu selten sprechen. Eine Fachkraft packt ihre Tasche, verabschiedet sich vom Team, und für die Einrichtung ist es ein Vorgang in der Personalakte. Für einen Jugendlichen ist es etwas völlig anderes. Da geht nicht "eine Stelle". Da geht der Mensch, dem er nach Wochen, manchmal Monaten, zum ersten Mal seit Langem geglaubt hat.

Vertrauen ist in unserem Feld die härteste Währung. Es wächst nicht auf Knopfdruck. Es entsteht in tausend kleinen Situationen, in denen ein junger Mensch testet, ob dieser Erwachsene bleibt, wenn es ungemütlich wird. Hat das Kind diese Hürde einmal genommen, hat es investiert. Mut. Nähe. Die leise Hoffnung, dass es diesmal anders läuft als bei all den Erwachsenen davor.

Und genau dieses Investment geht verloren, wenn die Bezugsperson wechselt. Aus Sicht der Jugendlichen passiert das einfach. Ohne ihr Zutun. Ohne ihre Schuld. Niemand fragt sie. Es wird über ihren Kopf entschieden, und am Ende sollen sie auch noch Verständnis aufbringen für etwas, das sich für sie wie eine erneute Zurückweisung anfühlt. Sie werden mal wieder enttäuscht. Von Erwachsenen. Schon wieder.

In über 40 Jahren Erfahrung im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe habe ich gelernt, was das auf Dauer mit jungen Menschen macht. Sie lernen nicht, dass Menschen eben kommen und gehen. Sie lernen etwas Folgenschwereres: dass Bindung sich nicht lohnt. Beim nächsten Erwachsenen machen sie die Tür gar nicht erst auf. Nicht aus Trotz, sondern aus Selbstschutz. Wer sich nicht öffnet, kann auch nicht wieder verletzt werden.

Wir Profis reden über Fluktuation, über Befristungen, über Stellenpläne und Fachkräftemangel. All das ist real, und nichts davon lässt sich wegwünschen. Aber das Kind erlebt von alldem nur einen einzigen Satz: Niemand bleibt. Beide Wahrheiten stehen nebeneinander. Nur eine davon tut weh.

Wir können nicht jeden Personalwechsel verhindern. Was wir aber sehr wohl können: Abschiede nicht verstecken, sondern gestalten. Übergaben mit Zeit denken statt mit einem Halbsatz im Türrahmen. Junge Menschen einbeziehen, bevor entschieden ist, nicht erst danach. Und überall dort, wo das System es zulässt, für Stabilität kämpfen.

Bindung ist kein Risiko, das wir den Kindern zumuten. Sie ist das Versprechen, für das wir geradestehen müssen.

Mögen. Begleiten. Stärken.

"aus fachlicher sicht"
über worte, die wir zu oft sagen

Es gibt einen Satz, der mir in letzter Zeit immer häufiger begegnet. In Beiträgen, in Diskussionen, in Fortbildungen: „Aus fachlicher Sicht …" Anfangs habe ich ihn überhört. Inzwischen stolpere ich jedes Mal darüber — weil ich mich frage, was dieses Wort eigentlich leisten soll.

Fachliche Einordnung. Aus fachlicher Sicht. Fachlich betrachtet. Es klebt mittlerweile auf fast jeder Aussage. Und je öfter ich es höre, desto mehr habe ich den Eindruck, dass es nicht mehr beschreibt, sondern nur noch verstärkt. Eine Art Lautstärkeregler für die eigene Meinung.

Mir ist aufgefallen, wer dieses Wort wirklich braucht. Der Verkäufer im Autohaus. Die Werkstatt, die eine teure Reparatur empfiehlt. „Aus fachlicher Sicht müssten wir da …", in der Hoffnung, dass aus dem Wort etwas Großes wird. Und dann der Gedanke, der mir selbst nicht gefällt: Vielleicht tun wir im sozialen Bereich manchmal dasselbe. Vielleicht sagen wir „fachlich", weil wir unsere eigene Kompetenz so wenig wertschätzen, dass wir sie aufhübschen müssen, damit sie überhaupt zählt.

Das kommt nicht aus dem Nichts. Wir rechtfertigen uns permanent — vor Ämtern, vor Gerichten, vor einer Gesellschaft, die unsere Arbeit kaum sieht. Irgendwann trauen wir dem eigenen Urteil nicht mehr und legen uns eine Rüstung an. „Ich bin mir sicher" fühlt sich zu schwach an. Also kommt „fachlich" davor. Dabei wäre das Gegenteil das Stärkere: zur eigenen Einschätzung zu stehen.

Bleibt die ehrliche Frage: Ab wann ist man fachlich? Studium? Erzieherausbildung? Heilpädagogik? Und der Ehrenamtliche, der seit Jahrzehnten mit Jugendlichen arbeitet — ist der nicht fachlich? Für mich entscheidet das Papier das nicht. Es entscheidet, ob ich verantworten kann, was ich tue, und ob ich bereit bin, es immer wieder zu hinterfragen.

Fachlichkeit ist für mich fundierte Intuition: das Bauchgefühl, das kein Zufall ist, sondern verdichtete Kompetenz. Jahre aus Wissen, Erfahrung und Haltung, die in einem Moment zusammenschießen und sagen: Hier stimmt etwas nicht. Ein Titel allein kann sie nicht verleihen. Und gelebte, reflektierte Begegnung kann sie längst gebaut haben — mit oder ohne Abschluss.

Sichtbar werden heißt deshalb nicht, lauter zu werden. Es heißt, die echte Fachlichkeit hinter der Arbeit endlich zeigen zu dürfen. Nicht das Etikett. Die Haltung. Denn wer es wirklich kann, muss es nicht ständig sagen.

Der Andy · @andreasramacher © Andreas Ramacher

 EIN TRÄGER OHNE HALTUNG

IST NUR EINE FIRMA DIE KINDER VERWALTET

 Ein Träger ohne Haltung ist eine Firma, die Kinder verwaltet

Klartext über Fassade, Belegung und die drei Typen Träger.

Ich rede nichts schön. Nicht euch. Nicht mir. Hier ist die Wahrheit, die in unserer Branche keiner gern hört.

„Ein Träger ist ein Betrieb wie jeder andere"

Falsch. Ein Caterer, der spart, liefert schlechteres Essen. Ein Träger, der an der falschen Stelle spart, beschädigt eine Biografie. Wer da keinen Unterschied sieht, hat im sozialen Bereich nichts verloren.

Ja, Personalkosten sind real. Belegung muss gehalten werden, Gehälter müssen gezahlt werden, die Bilanz muss stimmen. Das bestreite ich nicht. Aber Belegung ist nicht euer Auftrag. Das Kind ist euer Auftrag. Wer das verwechselt, hat den Betrieb verstanden und den Beruf vergessen.

„Haltung": das Wort, das Plätze verkauft.

In unserer Branche ist „Haltung" zu einem Marketingwort geworden. Sie steht auf der Website. Im Konzept. In der Stellenanzeige. Sie verkauft Plätze. Sie wirbt Personal. Sie beruhigt Aufsicht.

Und sie wird genau dort eingespart, wo sie nach außen unsichtbar bleibt.

Das ist keine Ausnahme. Das ist Standard.

Wo wird gespart, während ihr Träger „Haltung" verkauft?

Beim Fahrzeug, das seit Monaten mit Defekten gefahren wird. Bei der Personaldecke, die schon dünn war, bevor jemand kündigte. Beim Essen, das die Fachkraft in einer Gaststätte mit Jugendlichen selbst zahlen muss.

Die Fassade glänzt nach außen. Innen zahlen die Kinder.

Haltung durch Personen, nicht institutionell im Träger

Wenn ihr ehrlich seid: Hat euer Träger Haltung? Oder habt ihr einzelne Aufrechte, die sich aufreiben?

Letzteres. Fast immer. Eine Teamleitung, die sich verbrennt. Eine Fachkraft, die sich querlegt — und dafür einen Aktenvermerk bekommt. Ein Pädagoge, der nachts wachliegt. Das ist Personenglück. Kein Trägermerkmal.

Diese Menschen sind das Letzte, was zwischen Kind und kalter Firma steht. Und sie gehen. Mit ihnen geht die Haltung.

Drei Typen Träger

Es gibt drei Typen Träger:

1. Der ohne Haltung — kalte Firma. Verwaltet, weil verwaltet wird.

2. Der mit Haltung durch Einzelne — Glück, das geht, sobald die richtigen Leute gehen.

3. Der mit institutionalisierter Haltung — wo das Richtige passiert, auch ohne Helden. 
Wo die richtige Entscheidung nicht vom Mut Einzelner abhängt.

Der dritte ist selten. Aber es gibt ihn.

Was jetzt?

Wenn dein Träger nicht Typ 3 ist: Was tust du, damit er einer wird?

Wenn dich das trifft, weißt du, warum. Sag's weiter. Schweig nicht.

Mögen · Begleiten · Stärken

— Der Andy


 

drogen retten leben

„Drogen retten Leben." Ich sage diesen Satz nicht leichtfertig. Ich sage ihn, weil eine 16-Jährige ihn mir bewiesen hat. 
Im eBook (12 Seiten) erzähle ich diese Geschichte. Eine 16-Jährige. Heroin seit einem Jahr. Prostitution, um die Droge zu finanzieren. 
Das Ziel: sie nicht eines Tages tot aufzufinden. Eine Geschichte über Vertrauen, Geduld — und eine Wahrheit: Drogen retten Leben. 
Irgendwann eine einzige Frage, die alles erklärt. 
Das Besondere: Ich gehe ins Gespräch mit mir selbst.
Der Dialog macht die Geschichte nahbar.

Inhaltlicher Hinweis: Dieses eBook spricht über Heroinabhängigkeit, Prostitution Minderjähriger, kindliche Vernachlässigung und Suizidalität. Es ist nichts für nebenbei. Wer aktuell selbst betroffen ist, sollte gut auf sich achten.

EBOOK

wenn freude nach 
innen geht

„Wenn Freude nach innen geht"

Ein Moment aus der Praxis — über das Annehmen von Geschenken und warum Schenken leicht bleiben muss.

Eine Jugendliche bekommt eine Festivalkarte. Sie schaut mich verständnislos an, dreht sich weg. „Ich freue mich. Wirklich. Ich kann's grad nicht zeigen." An der Tür ein kurzes Lächeln. Mehr passiert nicht. Und doch passiert gerade alles.

In diesem eBook gehe ich dem nach: Warum ein Geschenk Jugendliche, die es nicht gewohnt sind, so hart treffen kann. Warum Annehmen schwerer ist als Geben. Und warum auch das Schenken ein Risiko ist – eines, das man nur eingeht, wenn man die Antwort nicht braucht.

Es geht nicht um Methoden. Es geht um Haltung. Um das, was in keinem Hilfeplan steht und sich in keine Fachleistungsstunde pressen lässt – und das am Ende trotzdem das Einzige ist, was bleibt.

Was zählt, ist oft genau das, wonach das System nicht fragt.

Kurz, ehrlich, aus über 40 Jahren Praxis. Für alle, die in der Jugendhilfe nicht nur funktionieren wollen.

GELD MACHT PÄDAGOGIK

Ein Gespräch zwischen Andy und Lena

Ein Satz, den fast jeder in der Jugendhilfe kennt: „Wer wirklich gut arbeiten will, findet einen Weg."

Er klingt nach Berufung. Nach Haltung. Nach genau dem, was wir alle sein wollen. Und genau deshalb ist er so gefährlich.

Denn im Umkehrschluss heißt er: Wenn es nicht klappt, hast du dich eben nicht genug angestrengt. Die Struktur – Personalschlüssel, Finanzierung, Zeit – wird unsichtbar. Übrig bleibt der einzelne Mensch, auf den die Verantwortung abgewälzt wird.

Mir geht es nicht darum, Engagement kleinzureden. Engagement macht einen Unterschied – das habe ich in 40 Jahren tausendfach erlebt. Aber Engagement macht nicht *jeden* Unterschied. Ein Nachtdienst mit eins zu acht wird nicht besser, weil die Kollegin mehr brennt. Sie verbrennt nur schneller. Und das Perfide: Gerade die Engagiertesten glauben den Satz am ehesten – weil sie sich lieber selbst überfordern, als die Struktur anzuklagen.

ich spreche darüber mit Lena. Sie ist fiktiv – die kritische Instanz, die die Fragen stellt, die gestellt werden müssen.

Wenn Träger ihr Personal ausbeuten.
"Ausbeuten" welch hartes Wort. Klingt nach Frühkapitalismus. 
Mal abgesehen davon dass wir, die wir im sozialen Bereich arbeiten, uns oft genug selbst ausbeuten, indem wir trotz krank arbeiten, wegen Personalnot einspringen und dafür private Termine canceln, denken, dass ohne uns nichts läuft, denken, dass ohne uns die Jugendlichen nicht gefördert und betreut werden. Und und und. 
Ok, das könnten wir selbst ändern, indem wir uns selbst ändern (kleines Wortspiel ;-))
Ich kenne Träger, die die Unerfahrenheit und das persönliche Engagement der Mitarbeitenden schamlos ausnutzen.
Beispiele gefällig? 
Ramadan, Fastenbrechen. Nach Sonnenuntergang gehen die Fachkräfte mit den Jugendlichen in ein Restaurant essen. Sie tun das gerne, die entspannte Atmosphäre führt zu guten Gesprächen, einem Gefühl von Gemeinsamkeit. Alle profitieren, Jugendliche und Fachkräfte. Der Träger begrüßt solche Aktivitäten. Es handelt sich also ausdrücklich um pädagogisch notwendige und gewollte Aktivitäten. 
Trotzdem sagt der Träger "Die Fachkräfte müssen ihr Essen und die Getränke selbst bezahlen. Übrigens auch die Praktikanten oder Studierenden, die wirklich wenig Geld haben. Den Träger interessiert das nicht. Empathie? Interesse für die Fachkräfte? 
Fehlanzeige!
Bei Nachfragen wird gesagt, das dies aus steuerlichen Gründen so sein müsse. 
Nein, muss es nicht. Man kann gute Lösungen finden - wenn man nur will. Aber, der Träger will nicht. Ist ja so auch viel einfacher. Und vor allem: billiger.
Das Essen ist ein Arbeitsmittel und der Träger weigert sich, arbeitsbedingte Aufwendungen zu bezahlen. Angeblich aus steuerlichen Gründen.
Vor allem ist so ein Verhalten effektiv. (Ironiemodus an) Effektiver kann man den Mitarbeitenden nicht zeigen wie wenig man sie als Fachkräfte wertschätzt. So wenig, das man sie sogar die Arbeitsmittel selbst bezahlen lässt.
Traurig ist, das gerade Studierende und junge Fachkräfte denken das müsse so sein und das akzeptieren. 
Eine nachhaltige Bindung entsteht dadurch jedenfalls nicht.
Es gibt Träger, die von den Mitarbeitenden verlangen am ersten Krankheitstag eine ärztliche AU einzureichen. Man glaubt ihnen nicht, das sie krank sind. 
Alle Fachkräfte wissen jetzt, das ihnen nicht vertraut wird. Zusätzlich verursacht der Träger höhere Fehlzeiten. Warum? Weil Mitarbeitende nicht nur den einen Tag zu Hause bleiben, sondern in der Regel für eine Woche krank geschrieben werden. 
Dem Arbeitgeber ist es egal, das so der Personalmangel forciert wird und dadurch die Probleme in den Teams größer werden.
Stärkt so etwas die Bindung zu einem Träger, einem Arbeitgeber? Nein! 
Dann gibt es noch Träger, bei denen die höchste Leitungsebene fundierte Fachkräfte mit hoher Expertise ignoriert, was zu fachlich fragwürdigen Entscheidungen führt. Hierarchie setzt sich durch, Fachlichkeit  muss sich fügen. Das mag die persönliche Eitelkeit von Leitungen befriedigen, hindert aber die Einrichtung und die Mitarbeitenden daran sich nachhaltig weiter zu entwickeln. Bindung entsteht so niemals.
Das sind reale Beispiele aus der stationären Jugendhilfe. 
Sie führen zu einer hohen Fluktuation in den Einrichtungen. 
Schaden tut das letztendlich den Jugendlichen, die keine kontinuierliche pädagogische Betreuung bekommen. 
Fazit: Jugendhilfe ist eh ein schwieriges Feld. Dennoch macht sie es sich zusätzlich mit so einem Verhalten noch schwerer. Aus Ignoranz? Aus Inkompetenz? Das wissen nur die Träger selbst.
Es liegt an den Fachkräften Einhalt zu gebieten. Träger verhalten sich so, weil sie es schlicht und ergreifend können. Lassen wir sie nicht damit durchkommen. 
Wir haben eine laute Stimme. Unser Wert für die Träger ist höher als der Wert der Träger für uns. 
Rock On 

Das Gespräch zwischen Andy und der fiktiven Lena als kostenloses eBook:

Wenn heavy metal auffängt

Was hat Heavy Metal mit Jugendhilfe zu tun?

Auf den ersten Blick: wenig. Auf den zweiten: alles.

Sie saß in einer der schwersten Stunden ihres Lebens. Fragte nach Tipps. Ich erzählte ihr von Wacken. Von Lady in Black. Von einem Sonnenuntergang, der mir bis heute eine Gänsehaut macht.

Sie erinnerte sich an ihr eigenes Konzerterlebnis vom Februar.

Sie ging mit einem Lachen.

Kein Ratschlag hatte das bewirkt. Keine Methode. Keine Theorie. Ein geteilter Moment. Und das Wissen: Es gibt Dinge, die einem gehören. Die niemand nehmen kann.

Musik ist seit 50 Jahren mein bester Freund. Einer, der nie weggelaufen ist. Der immer da war, wenn sonst niemand da war.

Lena und ich haben darüber gesprochen — über Heavy Metal, Jugendhilfe, Wacken, Motörhead, und einen Pommesgabelmoment, der alles erklärt.

Das Gespräch gibt es als eBook.

Fahrt Auto mit Jugendlichen

Wir sitzen im Auto nebeneinander und schauen geradeaus und uns nicht an.
Augenkontakt ist für viele Jugendliche eine Zumutung. Wer angeguckt wird, muss eine Miene aufsetzen. Muss kontrollieren. Muss zeigen, nicht verlegen zu sein, nicht überfordert. Das frisst die ganze Energie, die für ein ehrliches Gespräch gebraucht würde.
Im Auto fällt das alles weg. Niemand muss jemanden ansehen. Und nieman muss etwas zeigen.
Die Windschutzscheibe nimmt den Blick auf — und gibt ihn nicht zurück. Plötzlich darf rot werden, wer rot wird. Plötzlich darf die Stimme zittern. Niemand sieht's. Niemand muss reagieren.
Das ist es, was ich die innere Privatsphäre nenne. Sie ist im Gespräch mit Jugendlichen oft der entscheidende Faktor — und in unseren Gesprächssettings genau das, was wir am häufigsten verletzen, ohne es zu merken. 
Wir denken, wir bauen Nähe auf, indem wir uns gegenüber setzen. Tatsächlich bauen wir Druck auf.
Im Auto kehrt sich das um. Das Nebeneinander schafft, was das Gegenüber verhindert: Offenheit. Nicht weil wir uns weniger spüren — wir hören uns trotzdem, wir sind trotzdem da. Sondern weil wir uns nicht angucken müssen.
Und genau deshalb fallen im Auto Sätze, die im Büro nie kommen würden.
Liebe Leute — fahrt Auto mit Jugendlichen. Plant eine Stunde ein. Setzt euch nebeneinander. Und schaut geradeaus.
Mögen · Begleiten · Stärken.
eBook dazu gefällig :-) Kommt in einem neuen Tab, ist ausführlicher und zu gr0ßen Teilen als Dialog zwischen Andy und der fiktiven Lena geschrieben.
Viel Spaß dabei :-)

wenn das Jugendamt klingelt

Dienstagvormittag. Telefon klingelt. Irgendwo in einer Einrichtung wird gerade ein Kind weggebracht.
Ein Fall, der mich nicht losgelassen hat.
Eine minderjährige Mutter in einer Mutter-Kind-Einrichtung. Ihr Baby.
Ein Besuch des Jugendamtes. Eine Inobhutnahme, die de facto akzeptiert wurde – ohne Widerspruch, ohne Prüfung, ohne Fachlichkeit. Heute ist das Kind bei einer Pflegefamilie. Die Mutter kämpft. Niemand weiß, wie es ausgeht.

In diesem eBook erzähle ich, was an dem Tag fehlte. Warum eine Einrichtung, die schweigt, ihre eigenen Mitarbeiter  und Klienten im Stich lässt.
Und warum Hierarchie keine Fachlichkeit ersetzt.

Ich erzähle das nicht alleine. An entscheidenden Stellen führe ich Gespräche mit der fiktiven Lena – einer erfahrenen Kollegin auf Augenhöhe. Sie fragt nach. Sie widerspricht auch. Sie zwingt mich, präziser zu werden. Wo ich zu schwarz-weiß denke, holt sie mich zurück. Diese Gespräche sind das Herzstück dieses eBooks.

Es geht vor allem um Haltung. Um Mut. Um die Frage: Was tun wir eigentlich, wenn das Jugendamt klingelt – und niemand wirklich vorbereitet ist?

Ein eBook für Fachkräfte in der stationären Jugendhilfe, für Leitungen, für Träger, für alle, die wissen, dass Kinderschutz mehr ist als ein Aktenvorgang.

Klartext aus 40 Jahren Praxis. Kein Lehrbuch. Keine Schönfärberei.
Einfach das, was ich gesehen hab.

ZUM WEITERLESEN

zwischen kopf und bauch

Intuition ohne Fachwissen ist Willkür. 
Fachwissen ohne Intuition ist leblos. 
In der stationären Jugendhilfe treffen nicht Gegensätze aufeinander – sondern Komplizen. Kopf UND Bauch. Theorie UND Praxis. Konzept UND Gespür. Ich nenne es fundierte Intuition: jene Fähigkeit, die aus tausenden Begegnungen entsteht und durch Reflexion reift. Nicht Magie. Sondern verdichtete Erfahrung, die in Sekundenbruchteilen weiß, was jetzt dran ist. Die jungen Menschen, mit denen wir arbeiten, haben einen seismografisch feinen Sensor für Unechtheit. Sie merken sofort, wenn sich jemand hinter Theorien verschanzt. Sie brauchen keine lebenden Lehrbücher. Sie brauchen Menschen, die echt sind. Die mögen, fordern, halten – und wissen, wann was dran ist. Kopf UND Bauch!

Ich habe 40 Jahre Erfahrung im sozialen Bereich und in der Jugendhilfe. 
Ein junger Mensch kommt zur Tür herein. Noch bevor er ein Wort sagt, weiß ich: Heute ist ein schwieriger Tag. Nicht weil ich hellsehen kann. Sondern weil ich ihn kenne. Seine Körpersprache. Seine Ausstrahlung. Die kleinen Zeichen.
Das ist keine Magie. Das ist Erfahrung. Das ist fundierte Intuition.
In diesem eBook findest du, was ich in 40 Jahren gelernt habe: Warum Bauchgefühl und Fachwissen keine Gegensätze sind. Warum Mögen revolutionär ist. Warum Trippelschritte mehr wert sind als Riesenpläne und -schritte. Und warum die Position daneben die wichtigste ist.
Mögen · Begleiten · Stärken

ZUM EBOOK  :-) Diesmal ein Essay. Viel Spaß

Der Junge und sein Vertrauen

Manchmal beginnt alles mit einem Satz an der Tür.

Zwei Monate war er nicht in der Schule.
Stattdessen: der Wald. Damit ihn niemand findet.

Was wirklich los war, kam erst, als er sagte:„Andreas, ich will reden."
Der Vater. Krankenhaus. Schwere Diabetes.

Was geholfen hat, stand in keinem Konzept.
Es war eine Hand, die ich halten durfte.
Schweigen statt Fragen.
Klare Worte zur richtigen Zeit.

Manchmal ist die wichtigste Intervention die, die in keinem Methodenheft steht.

„Andreas, ich will reden."
Und dann sitzt du da. Und merkst: Es geht jetzt nicht um Methoden. Nicht um Werkzeuge. Es geht um eine Hand, die er nehmen darf. Um Schweigen, das aushält, was Worte nicht können. Um drei Sätze, die alles tragen: 
Du bleibst zuhause.
Wir klären das.
Du bist nicht allein.

Mein Brief an Dich

Hey du —
danke, dass du gekommen bist. Dass du geweint hast.
Wir haben aufgehört, bevor es peinlich werden konnte. 
Ich kenne dich. Ich glaube, du hättest das gedacht.
Was du heute getan hast, war groß:
Du bist gekommen.
Den Rest klären wir zusammen.
Du warst toll.

— Der Andy
Mögen · Begleiten · Stärken

Ihr könnt das als eBook auf meinem KO-FI herunterladen.  
Geschrieben ist es als ein Dialog der ausführlicher und intensiver ist. 
Eine Begegnung in der stationären Jugendhilfe. im Gespräch erzählt.
Ich habe diese Begegnung anonymisiert aufgeschrieben, 
in der Form, die mir am liebsten ist: als Gespräch. 
Im Dialog mit Lena — einer fiktiven Moderatorin. 
Das kleine Buch ist die Langform dieses Gesprächs. 
Mit allem, was dazugehört: dem Schweigen. Den klaren Worten. 
Dem Brief am Ende, den der Junge nie gelesen hat. 
 

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Freitag, 14:47. Die Mail vom Jugendamt: "Wo ist der Bericht?"

Und dann beginnt das, was in zu vielen Teams beginnt: nicht die Suche nach einer Ursache und Verbesserung. Sondern: Die Schuldigensuche.

Blicke, die ausweichen. Sätze, die mit "Ich dachte, du…" anfangen. Umstände, die plötzlich zwingend waren. Irgendwer setzt sich hin und schreibt in zwanzig Minuten einen Bericht. 

Das Problem ist gelöst - vermeintlich. Denn die Energie, die in die Schuldigensuche fließt, fehlt an der einzigen Stelle, an der sie etwas bewegt: Warum ist der Fehler passiert? Was ändern wir, damit er nicht wieder passiert?
Dann sollte das kommen: DANKE, FEHLER. DU HAST UNS WEITERGEBRACHT.
Die Person, die den Fehler gemacht hat, wird ausgezeichnet. Nicht symbolisch-ironisch. Echt. Vor dem ganzen Team. Mit einer liebevollen Kleinigkeit. Warum?
Weil Teams, in denen Fehler bestraft werden, irgendwann aufhören, Fehler zu machen. Und damit aufhören, etwas zu wagen. Wer nichts mehr wagt, entwickelt keine pädagogische Kreativität. Und wer keine pädagogische Kreativität entwickelt, verwaltet Jugendliche nur noch.
Wer sich traut, Fehler zu machen, fühlt sich sicher. Wer sich sicher fühlt, denkt weiter. Wer weiter denkt, kommt auf Ideen, die einem Jugendlichen etwas bringen, der sonst durchs Raster fällt.
Fehlerkultur ist keine HR-Floskel. Fehlerkultur ist der Unterschied zwischen einem Team, das funktioniert — und einem Team, das wirkt.
Freut euch über Fehler. Sie entwickeln Menschen. Sie entwickeln Teams.
Und am Ende entwickeln sie die Arbeit, die Jugendliche tatsächlich brauchen.

Interessant? 
Ihr könnt das das als Essay herunterladen. Der Bonus? Ihr bekommt 

einen Vorschlag, wie ihr "Fehler" erfolgreich in euer Team bringt. ;-)
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