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@andreasramacher

werkzeug humor

Ein Kollege hat mal zu mir gesagt: "Du lachst zu viel für den Job." Als wäre Ernst gleich Kompetenz.

Ich sehe das anders. Humor ist keine Nebensache in der Jugendhilfe. Er ist eines meiner wichtigsten Werkzeuge.

Ein Jugendlicher, der seit Wochen kein Wort mit mir spricht, lacht plötzlich über einen dummen Spruch beim Abwasch. In diesem Moment ist die Mauer für zwei Sekunden weg. Genau da entsteht Kontakt.

Lachen macht Nähe möglich, ohne dass jemand sein Gesicht verliert. Kein "Wie geht es dir wirklich?", das abgewehrt werden muss. Nur ein gemeinsamer Moment, in dem beide kurz Mensch sein dürfen statt Fachkraft und Fall.

Ich mache mich manchmal selbst zum Clown, wenn die Stimmung kippt. Nicht um abzulenken. Um zu zeigen: Es ist okay, hier auch mal nicht ernst zu sein.

Natürlich hat Humor Grenzen. Nie über jemanden, immer mit jemandem. Nie in akuten Krisen, wenn Ernst gebraucht wird. Aber im Alltag, in den tausend kleinen Momenten dazwischen, ist Humor gelebte Beziehungsarbeit.

Wer in unserem Job nie lacht, hält die Distanz zu den Jugendlichen künstlich aufrecht. Und Distanz ist manchmal bequemer als Nähe.

Humor ist kein Zeichen von Unprofessionalität. Er ist ein Zeichen davon, dass ich mich traue, wirklich da zu sein.

Mögen · Begleiten · Stärken Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

akte frisst beziehung

Ich habe heute drei Stunden dokumentiert. Und zwanzig Minuten mit ihr geredet. An einem ganz normalen Tag.

Versteh mich nicht falsch: Ich dokumentiere sorgfältig. Gute Doku schützt auch das Kind, im Kinderschutz erst recht. Aber sie ist nicht die Arbeit. Sie ist der Schatten der Arbeit.

Denn das Kind erinnert sich nicht an mein Protokoll. Es erinnert sich an mich. Beziehung entsteht in der Zeit, die kein Formular vorsieht. Am Spülbecken, auf dem Beifahrersitz, in der Raucherecke.

Wenn die Akte wichtiger wird als der Mensch in der Akte, dient sie nicht mehr ihm, sondern nur noch uns. Deshalb meine Forderung nach oben: Gebt uns Zeit für Beziehung. Nicht nur für ihren Nachweis.

Die Akte ist das Gedächtnis. Die Beziehung ist die Arbeit. Verwechsle die beiden nie.

kinderschutz nein danke?

Einrichtung ohne 8a Prozess

Kinderschutz? Nein danke!
Irgendein Nachmittag, ein Team hat einen begründeten Verdacht. Und dann? Kein Ablauf, keine zuständige Person greifbar, die Leitung nicht erreichbar. Das Team hängt in der Luft. Genau das passiert, wenn der Prozess fehlt.
Was das bedeutet: Teams agieren ohne Orientierung. Sie bekommen vom Träger keine klar definierte Unterstützung bei Einschätzung und Bewertung des Falls. Sie können nichts einfordern, sondern müssen bitten, nachfragen, warten. Dieser Abstimmungsaufwand frisst Zeit. Das führt zu Unzufriedenheit. Und vor allem: dem betroffenen Kind wird die schnelle Hilfe verwehrt.
Wenn über einen Kinderschutzfall entschieden wird, muss der Prozess mindestens das hier regeln:
Klar: Die insoweit erfahrene Fachkraft wird einbezogen. Das ist gesetzlich so gewollt, und ist richtig. Mein Vorschlag ergänzt das. Ich will zusätzlich eine benannte 8a-Fachkraft in der Einrichtung selbst. Eine Person, die fachlich einschätzt, die Strukturen der Jugendämter aus der Praxis kennt und fundierte Erfahrung mit 8a-Verfahren mitbringt.
Diese Person wird schon bei Einschätzung und Bewertung einbezogen, nicht erst am Ende. Sie bindet die Leitung ein, die sich dem Fall zwingend widmen muss. Kinderschutz hat höchste Priorität. Punkt.
Wer entscheidet final bei unterschiedlichen Einschätzungen?
Meine Haltung ist klar: Im Streitfall gehört der 8a-Fachkraft das letzte Wort. Wie eine Einrichtung intern entscheidet, wem sie das letzte Wort gibt, bestimmt sie selbst. Eine bewusste Trägerentscheidung. Hierarchie geht dann nicht vor Fachwissen.
Eine Einrichtung, die so arbeitet, akzeptiert die fachliche Expertise im Team. Das schafft Respekt und Wertschätzung. Und das betroffene Kind hat ein Recht auf den größtmöglichen Einsatz der Fachkräfte.
Persönliche Eitelkeiten der Leitung dürfen dabei keine Rolle spielen. Eigentlich. Denn leider ist es oft anders.
 


 

Zufälle in der pädagogik

Deine wirksamste pädagogische Begegnung? Reiner Zufall.

Stell dir eine rote Ampel vor. Fünf Menschen treffen aufeinander. Eigentlich treffen sie sich nicht — sie erscheinen einfach. Jeder kam aus einem anderen Grund, von einem anderen Ort, auf einer eigenen Lebenslinie. Sie kennen sich nicht, sie sehen sich nicht einmal an. Und doch wollen sie im selben Moment dasselbe: über die Straße.

Genau so ist Jugendhilfe.

Junge Menschen landen aus völlig unterschiedlichen Geschichten an diesem einen Punkt — in dieser einen Gruppe. Sie haben sich nicht ausgesucht. Sie haben nie voneinander gehört. Und jetzt sollen sie miteinander leben.

Bei uns Fachkräften ist es nicht anders. Auch wir haben uns nicht gegenseitig gewählt, wir wurden ausgesucht, vom Träger, von denen, die eingestellt haben. Unsere Ampel heißt nur „Dienstplan". Und jetzt sollen wir zusammenwirken. Zum Wohl der jungen Menschen.

Drei Bilder, die ich nicht vergesse: das 16-jährige Mädchen, das hundert Wege woanders hingeführt hätten — und das ausgerechnet bei mir landete. Die Spritztour, das Eis, bei dem gesagt wird, was im Büro nie gesagt würde. Und der Moment, in dem Vertrauen gewachsen ist und genau dann die Bezugsperson kündigt, weil der Träger sie nicht halten konnte.

Wir suchen uns das alles nicht aus. Aber aus dem Zufall etwas zu machen — das ist kein Zufall. Das ist Haltung. Die jungen Menschen haben es verdient, dass an ihrer Ampel Profis stehen: Menschen, die genau dafür da sind und das Beste daraus gestalten.
Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

Mögen · Begleiten · Stärken

Einfach weg

Schon wieder geht jemand. Und schon wieder ist es das Kind, das die Rechnung zahlt.

Wir Erwachsenen wechseln die Stelle, den Träger, den Dienstplan. Sachliche Entscheidungen. Verständlich. Für den Jugendlichen sieht das anders aus. Da geht nicht "eine Fachkraft". Da geht der Mensch, dem er nach Monaten endlich vertraut hat.

Und das Bitterste: Aus seiner Sicht passiert es einfach. Ohne dass er gefragt wird. Ohne dass er etwas falsch gemacht hat. Er wird mal wieder enttäuscht. Von Erwachsenen.

Irgendwann zieht das Kind seine Lehre. Nicht "Menschen gehen". Sondern "Bindung lohnt sich nicht". Und dann macht es die Tür beim Nächsten gar nicht mehr auf.

Wir können nicht jede Fluktuation verhindern. Aber wir können aufhören, Abschiede zu verstecken. Wir können sie gestalten. Mit Zeit. Mit Ehrlichkeit. Mit dem Kind, nicht über seinen Kopf hinweg.

Wie geht ihr mit Personalwechseln in eurer Einrichtung um? Schreibt es mir.

Widerspruch willkommen. Rock On. 🤘

Mögen · Begleiten · Stärken

musik ist wie ein bester freund

Es gibt Momente im Leben, da hilft kein gut gemeinter Rat. Da hilft kein Gespräch. Da hilft kein Aufmuntern. Da hilft nur eins: Lautstärke. Und ein Gitarrenriff, das dir direkt ins Herz geht.

Viele Jugendliche, die in der Jugendhilfe landen kommen aus einem Leben, das kein Kind verdient. Gewalt. Chaos. Das Gefühl, nicht zu zählen. Das Gefühl, unsichtbar zu sein — oder schlimmer: gesehen zu werden, aber auf die falsche Art. 

Sie tragen das mit sich. Immer. Dann suchen sie etwas, das größer ist als dieser Schmerz. Irgendwas, das genauso laut ist wie das, was in ihnen tobt.

Manche finden Heavy Metal. Die Musik, die nie wegläuft

Heavy Metal ist keine nette Hintergrundmusik, keine Wohlfühlkulisse. Metal ist ehrlich, ist rau. Metal sagt: Ja, die Welt kann brutal sein. Ja, das Leben kann wehtun. Und trotzdem stehst du. Das ist keine Botschaft, die man erklärt bekommt — die spürt man. In jedem Brett, das die Gitarre raushaut.

Für Jugendliche, die gelernt haben, dass Menschen weglaufen, dass Vertrauen sich nicht lohnt, dass Nähe gefährlich ist — für die ist das ein Geschenk. Weil die Musik nicht wegläuft. Sie ist immer da. Im Kopf. Auf dem Weg zur Schule, nachts wenn man nicht schlafen kann, wenn die Gedanken wieder anfangen zu drehen. Sie geht überall mit hin. Und das macht es so wertvoll.

TRÄGER OHNE HALTUNG

„Hat dein Träger Haltung?" — die Frage wird zu schnell mit Ja beantwortet.

Zeit, aufzuhören damit.

Ein Träger ist nicht ein Betrieb wie jeder andere.

Wer eine Biografie verwaltet wie ein Caterer ein Catering, hat im sozialen Bereich nichts verloren.

Belegung muss gehalten werden? Klar.

Aber Belegung ist nicht euer Auftrag. Das Kind ist euer Auftrag.

Wer das verwechselt, hat den Beruf vergessen.

„Haltung" steht auf der Website. Sie verkauft Plätze. Sie wirbt Personal. Sie beruhigt Aufsicht. Und sie wird genau dort eingespart, wo sie für andere unsichtbar ist.

Das ist keine Ausnahme. Das ist Standard.

Wo wird gespart, während ihr Träger „Haltung" verkauft?

Beim Fahrzeug, das seit Monaten mit Defekten gefahren wird. Bei der Personaldecke, die schon dünn war, bevor jemand kündigte. Beim Essen, das die Fachkraft in einer Gaststätte mit Jugendlichen selbst zahlen muss. 

Die Fassade glänzt nach außen. Innen zahlen die Kinder.

Und die Fachkräfte und Teamleitungen, die sich querlegen? Die bekommen womöglich Stress mit Bereichs- oder pädagogischer Leitung. Oder sie gehen. Und mit ihnen geht die Haltung.

Drei Typen Träger gibt es:

1. Der ohne Haltung — kalte Firma.

2. Der mit Haltung durch Einzelne — Glück, das jederzeit gehen kann.

3. Der mit institutionalisierter Haltung — wo das Richtige passiert, auch ohne Helden.

Wenn dein Träger nicht Typ 3 ist: Tust du was, damit er einer wird?

Wenn Freude nach innen geht

Eine Jugendliche, die es nicht gewohnt ist, beschenkt zu werden.

Sie bekommt eine Karte. Ein Festival. Ein Tag. Sie schaut mich an. Verständnislos. Verwundert.
Leise: „Ich freue mich. Wirklich. Ich kann's grad nicht zeigen."
An der Tür dreht sie sich um. Lächelt. Kurz. Dann geht sie.
Für viele dieser Jugendlichen war ein Geschenk nie einfach ein Geschenk. Es kam mit einer Rechnung. Oder es kam gar nicht. Wer das gelernt hat, der rechnet. Auch beim Schenken.
Die meisten müssen nicht lernen zu geben. Die meisten müssen lernen anzunehmen.
Und das Geben ist auch ein Risiko. In der Sekunde, in der ich ihre Reaktion brauche, hat sie wieder eine Schuld. Also mache ich es nicht groß.
Einfach, weil sie da ist.
Dieser Moment steht in keinem Hilfeplan. 
Keine Maßnahme, keine Fachleistungsstunde. Und trotzdem ist genau das die Arbeit.
Was zählt, ist oft genau das, wonach das System nicht fragt.
eBook - 4 Seiten - www,andreasramacher.de/lese-ecke 

Mögen · Begleiten · Stärken Der Andy · @andreasramacher

zwischen kopf und bauch

Intuition ohne Fachwissen ist Willkür. 
Fachwissen ohne Intuition ist leblos. 
In der stationären Jugendhilfe treffen nicht Gegensätze aufeinander – sondern Komplizen. Kopf UND Bauch. Theorie UND Praxis. Konzept UND Gespür. Ich nenne es fundierte Intuition: jene Fähigkeit, die aus tausenden Begegnungen entsteht und durch Reflexion reift. Nicht Magie. Sondern verdichtete Erfahrung, die in Sekundenbruchteilen weiß, was jetzt dran ist. Die jungen Menschen, mit denen wir arbeiten, haben einen seismografisch feinen Sensor für Unechtheit. Sie merken sofort, wenn sich jemand hinter Theorien verschanzt. 
Sie brauchen keine lebenden Lehrbücher. Sie brauchen Menschen, die echt sind. Die mögen, fordern, halten – und wissen, wann was dran ist. Kopf UND Bauch!

der junge und sein vertrauen

Manchmal beginnt alles mit 
einem Satz an der Tür.

Zwei Monate war er nicht in der Schule.
Stattdessen: der Wald. Damit ihn niemand findet.
Was wirklich los war, kam erst, als er sagte:„Andreas, ich will reden."
Der Vater. Krankenhaus. Schwere Diabetes.
Was geholfen hat, stand in keinem Konzept.
Es war eine Hand, die ich halten durfte.
Schweigen statt Fragen.
Klare Worte zur richtigen Zeit.

Manchmal ist die wichtigste Intervention die, die in keinem Methodenheft steht.

„Andreas, ich will reden."
Und dann sitzt du da. Und merkst: Es geht jetzt nicht um Methoden. Nicht um Werkzeuge. Es geht um eine Hand, die er nehmen darf. Um Schweigen, das aushält, was Worte nicht können. Um drei Sätze, die alles tragen: 
Du bleibst zuhause.
Wir klären das.
Du bist nicht allein.

Mein Brief an Dich:
Hey du —
danke, dass du gekommen bist. Dass du geweint hast.
Wir haben aufgehört, bevor es peinlich werden konnte. 
Ich kenne dich. Ich glaube, du hättest das gedacht.
Was du heute getan hast, war groß:
Du bist gekommen.
Den Rest klären wir zusammen.
Du warst toll.

— Der Andy
Mögen · Begleiten · Stärken

werkzeugkiste

Ich habe mal versucht aufzuschreiben, womit ich 
eigentlich arbeite. 
Nicht im Sinne von Methoden und Konzepten. 
Sondern: Was mache ich, wenn es darauf ankommt?
Es kam eine seltsame Liste raus.
in Eiscafé. 
Eine Heavy-Metal-Erinnerung. 
Ein Klingelknopf an einer fremden Tür. 
Ein Trippelschritt statt eines Sprungs. 
Der Bauch, der mehr weiß.
Die Harley.
Nichts davon stand je in einem Lehrbuch.

 

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